Viele autistische Menschen leben nicht nur mit dem Autismus selbst, sondern mit einer ganzen Reihe von Eigenschaften, die auffällig oft mitkommen. Das klingt im ersten Moment vielleicht hart – wie eine lange Liste von Diagnosen, die sich addieren. Gemeint ist damit aber nicht, dass du zusätzlich noch fünf verschiedene Viren oder Grippen in dir trägst.
Gemeint sind Eigenschaften, die dich im Alltag beeinflussen können – manche körperlich, manche neurologisch, manche einfach eine andere Art, wie dein Nervensystem und dein Körper auf die Welt reagieren. Warum das bei Autismus gehäuft zusammen auftritt, ist wissenschaftlich noch nicht abschliessend geklärt. Für dich kann es trotzdem enorm entlastend sein, diese Zusammenhänge zu kennen – weil vieles, was du bisher vielleicht als „zu empfindlich" oder „schon wieder was Neues" erlebt hast, plötzlich einen Rahmen bekommt.
Diese Station ersetzt keine ärztliche Abklärung. Sie ist ein erster Überblick – damit du weisst, wonach du schauen kannst, wenn sich bei dir etwas davon wiedererkennt.
Gerade wenn du Mühe hast mit deinem Energiemanagement, mit der Regulation deines Nervensystems oder mit deiner Tagesplanung, ist es essenziell, dass du prüfst, ob nicht auch eine oder mehrere dieser Begleiterscheinungen bei dir mitspielen. Oft wird genau das übersehen – und du kämpfst dann mit Symptomen, deren eigentliche Ursache nie erkannt wurde.
Denn sobald du das erkennst, können auch Therapie und Lösungsfindung viel einfacher, schneller und individueller geschehen – gezielt auf das abgestimmt, was bei dir tatsächlich dahintersteckt, statt auf gut Glück.
Schau also genau hin. Es ist für dich.
Ich war lichtempfindlicher, als mir lange bewusst war. Abends konnte ich oft nur bei Kerzenlicht sitzen – alles andere war mir zu grell und hat in den Augen wehgetan. Nachts Auto fahren ging bei mir häufig nur mit Sonnenbrille, weil mich entgegenkommende Scheinwerfer geblendet haben. Ich bin über beinahe jede Treppe hochgefallen, weil ich die Stufen nicht richtig einschätzen konnte. Und beim Lesen musste ich immer mit dem Finger die Zeile fixieren, sonst ist mir der Text regelrecht davongeschwommen.
Ich hätte nie gedacht, dass das alles zusammenhängt – bis ich vom Irlen-Syndrom erfahren habe. Ein einfacher Farbfilter hat mein Leben so viel leichter gemacht, als ich mir je vorstellen konnte.
Das Irlen-Syndrom – auch Meares-Irlen-Syndrom oder visuelle Stresssyndrom genannt – wurde in den 1980er-Jahren von der Psychologin Helen Irlen beschrieben. Es handelt sich um eine Besonderheit in der visuellen Verarbeitung: Das Gehirn verarbeitet bestimmte Lichtwellenlängen und Kontraste – vor allem schwarze Schrift auf weissem Papier – fehlerhaft. Für Betroffene „flimmert", „schwimmt" oder verzerrt sich das Bild, obwohl die Augen selbst meist völlig gesund sind. Es ist also keine Fehlsichtigkeit, sondern eine Besonderheit darin, wie das Gehirn visuelle Reize weiterverarbeitet.
Farbige Filter – als Overlay-Folie über dem Text oder als getönte Brillengläser, individuell angepasst – können diese Reizverarbeitung so verändern, dass Kontraste erträglicher werden und das Gehirn die visuellen Informationen ruhiger aufnehmen kann. Wissenschaftlich ist das Konzept nicht unumstritten – in der schulmedizinischen Forschung gilt es als nicht abschliessend belegt. Für viele Betroffene, mich eingeschlossen, macht der richtige Filter im Alltag trotzdem einen spürbaren Unterschied.
Ganz konkret heisst das: Die Farbe oder Farben, die du am Ende als Brillengläser trägst, sind genau die Farben, die dein Gehirn nicht richtig verarbeiten kann. Weil diese Verarbeitung nicht rund läuft, ist dein Gehirn dauerhaft am Arbeiten – bestimmte Bereiche bleiben ständig aktiv und verbrauchen Energie, die du eigentlich gar nicht bräuchtest. Vergleicht man Gehirnscans von Menschen mit und ohne Irlen-Syndrom, zeigt sich genau das: Bei Betroffenen sind beim Lesen oder bei visueller Reizverarbeitung deutlich mehr Hirnareale aktiv – ein Mehraufwand, den andere Gehirne so nicht leisten müssen.
Wichtig dabei: Du siehst trotzdem alle Farben – es ist kein falsches oder verzerrtes Bild. Wenn du zum Beispiel Dunkelrot nicht richtig verarbeiten kannst, nimmst du die Farbe optisch trotzdem ganz normal wahr. Erst wenn du genau diese Farbe als Brille trägst, wird dein Gehirn entlastet. Witzigerweise siehst du ein weisses Blatt Papier dann trotzdem weiterhin weiss und nicht etwa rot – eben weil genau diese Farbe für dein Gehirn gar nicht mehr verarbeitet werden muss.
Bei mir war der Weg dahin viel einfacher, als ich gedacht hätte. Kein grosses Prozedere – nur ein paar klare Schritte:
Ein Termin für eine Farbfilter-Brillen-Analyse bei einer spezialisierten Fachperson (Irlen-Diagnostik). Dort werden nach und nach verschiedene Farben und Filter ausprobiert.
Der Termin selbst war bei mir überraschend angenehm – mit Pausen und ganz in meinem eigenen Tempo, ohne Druck.
Am Ende stand meine persönliche Farbe fest, und die passenden Gläser wurden bestellt.
Die Gläser bei einem Optiker oder einer Optikerin deiner Wahl in eine Fassung einbauen lassen – und fertig.
Die Fachperson, bei der ich war, ist Herr Fritz Steiner in Basel. Bei mir hat die Abklärung inklusive Brillengläser rund 1100 CHF gekostet (Preis ohne Gewähr) – als grober Anhaltspunkt. Alle Infos dazu findest du im Link unten.
mehr Infos hierDas Irlen-Syndrom ist nur eines von mehreren Dingen, die bei Autismus gehäuft mitkommen. Diese sieben weiteren Themen findest du ausführlich beschrieben, sobald du sie freischaltest:
Dahinter findest du zu jedem der sieben weiteren Punkte eine kurze, klare Erklärung – was es ist, wie es sich zeigen kann und warum es bei Autismus gehäuft auftritt.
Der Code stimmt noch nicht ganz. Schreib mir gerne, falls etwas nicht klappt: hallo@wegweiserin-autismus.ch
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