Wegweiserin Wegweiser für neurodivergente Menschen
Station 7 · Zusätzliche Aspekte, die mitkommen

Autismus kommt selten allein – und das ist kein Zufall.

Viele autistische Menschen leben nicht nur mit dem Autismus selbst, sondern mit einer ganzen Reihe von Eigenschaften, die auffällig oft mitkommen. Das klingt im ersten Moment vielleicht hart – wie eine lange Liste von Diagnosen, die sich addieren. Gemeint ist damit aber nicht, dass du zusätzlich noch fünf verschiedene Viren oder Grippen in dir trägst.

Gemeint sind Eigenschaften, die dich im Alltag beeinflussen können – manche körperlich, manche neurologisch, manche einfach eine andere Art, wie dein Nervensystem und dein Körper auf die Welt reagieren. Warum das bei Autismus gehäuft zusammen auftritt, ist wissenschaftlich noch nicht abschliessend geklärt. Für dich kann es trotzdem enorm entlastend sein, diese Zusammenhänge zu kennen – weil vieles, was du bisher vielleicht als „zu empfindlich" oder „schon wieder was Neues" erlebt hast, plötzlich einen Rahmen bekommt.

Diese Station ersetzt keine ärztliche Abklärung. Sie ist ein erster Überblick – damit du weisst, wonach du schauen kannst, wenn sich bei dir etwas davon wiedererkennt.

Warum das für dich wichtig ist

Das hier ist keine Nebensache. Schau genau hin – es ist für dich.

Gerade wenn du Mühe hast mit deinem Energiemanagement, mit der Regulation deines Nervensystems oder mit deiner Tagesplanung, ist es essenziell, dass du prüfst, ob nicht auch eine oder mehrere dieser Begleiterscheinungen bei dir mitspielen. Oft wird genau das übersehen – und du kämpfst dann mit Symptomen, deren eigentliche Ursache nie erkannt wurde.

Denn sobald du das erkennst, können auch Therapie und Lösungsfindung viel einfacher, schneller und individueller geschehen – gezielt auf das abgestimmt, was bei dir tatsächlich dahintersteckt, statt auf gut Glück.

Schau also genau hin. Es ist für dich.

Eines davon erzähle ich dir gleich ganz – denn bei mir hat es alles verändert

Das Irlen-Syndrom

Meine eigene Geschichte

Ich war lichtempfindlicher, als mir lange bewusst war. Abends konnte ich oft nur bei Kerzenlicht sitzen – alles andere war mir zu grell und hat in den Augen wehgetan. Nachts Auto fahren ging bei mir häufig nur mit Sonnenbrille, weil mich entgegenkommende Scheinwerfer geblendet haben. Ich bin über beinahe jede Treppe hochgefallen, weil ich die Stufen nicht richtig einschätzen konnte. Und beim Lesen musste ich immer mit dem Finger die Zeile fixieren, sonst ist mir der Text regelrecht davongeschwommen.

Ich hätte nie gedacht, dass das alles zusammenhängt – bis ich vom Irlen-Syndrom erfahren habe. Ein einfacher Farbfilter hat mein Leben so viel leichter gemacht, als ich mir je vorstellen konnte.

Was dahintersteckt

Das Irlen-Syndrom – auch Meares-Irlen-Syndrom oder visuelle Stresssyndrom genannt – wurde in den 1980er-Jahren von der Psychologin Helen Irlen beschrieben. Es handelt sich um eine Besonderheit in der visuellen Verarbeitung: Das Gehirn verarbeitet bestimmte Lichtwellenlängen und Kontraste – vor allem schwarze Schrift auf weissem Papier – fehlerhaft. Für Betroffene „flimmert", „schwimmt" oder verzerrt sich das Bild, obwohl die Augen selbst meist völlig gesund sind. Es ist also keine Fehlsichtigkeit, sondern eine Besonderheit darin, wie das Gehirn visuelle Reize weiterverarbeitet.

Farbige Filter – als Overlay-Folie über dem Text oder als getönte Brillengläser, individuell angepasst – können diese Reizverarbeitung so verändern, dass Kontraste erträglicher werden und das Gehirn die visuellen Informationen ruhiger aufnehmen kann. Wissenschaftlich ist das Konzept nicht unumstritten – in der schulmedizinischen Forschung gilt es als nicht abschliessend belegt. Für viele Betroffene, mich eingeschlossen, macht der richtige Filter im Alltag trotzdem einen spürbaren Unterschied.

Ganz konkret heisst das: Die Farbe oder Farben, die du am Ende als Brillengläser trägst, sind genau die Farben, die dein Gehirn nicht richtig verarbeiten kann. Weil diese Verarbeitung nicht rund läuft, ist dein Gehirn dauerhaft am Arbeiten – bestimmte Bereiche bleiben ständig aktiv und verbrauchen Energie, die du eigentlich gar nicht bräuchtest. Vergleicht man Gehirnscans von Menschen mit und ohne Irlen-Syndrom, zeigt sich genau das: Bei Betroffenen sind beim Lesen oder bei visueller Reizverarbeitung deutlich mehr Hirnareale aktiv – ein Mehraufwand, den andere Gehirne so nicht leisten müssen.

Wichtig dabei: Du siehst trotzdem alle Farben – es ist kein falsches oder verzerrtes Bild. Wenn du zum Beispiel Dunkelrot nicht richtig verarbeiten kannst, nimmst du die Farbe optisch trotzdem ganz normal wahr. Erst wenn du genau diese Farbe als Brille trägst, wird dein Gehirn entlastet. Witzigerweise siehst du ein weisses Blatt Papier dann trotzdem weiterhin weiss und nicht etwa rot – eben weil genau diese Farbe für dein Gehirn gar nicht mehr verarbeitet werden muss.

Wie es sich sonst noch zeigen kann
  • Kopfschmerzen oder Migräne beim oder nach dem Lesen
  • schnelle Ermüdung der Augen, obwohl die Sehstärke in Ordnung ist
  • Buchstaben oder Wörter, die beim Lesen „springen", verschwimmen oder sich bewegen
  • Mühe, Tiefe und Distanzen richtig einzuschätzen – etwa auf Treppen oder bei Randsteinen
  • Blendempfindlichkeit bei hellem Kunstlicht, Sonnenlicht oder Autoscheinwerfern
  • Mühe mit Kontrasten, etwa auf glänzendem Papier oder hellen Bildschirmen
  • Konzentrationsschwierigkeiten beim Lesen, obwohl das Verständnis an sich da ist
  • ein Gefühl von Unruhe oder Reizüberflutung in hell beleuchteten Räumen
  • bei Kindern wird es manchmal fälschlich für eine Lese-Rechtschreib-Schwäche gehalten
Wie sich das lösen lässt

Bei mir war der Weg dahin viel einfacher, als ich gedacht hätte. Kein grosses Prozedere – nur ein paar klare Schritte:

1

Ein Termin für eine Farbfilter-Brillen-Analyse bei einer spezialisierten Fachperson (Irlen-Diagnostik). Dort werden nach und nach verschiedene Farben und Filter ausprobiert.

2

Der Termin selbst war bei mir überraschend angenehm – mit Pausen und ganz in meinem eigenen Tempo, ohne Druck.

3

Am Ende stand meine persönliche Farbe fest, und die passenden Gläser wurden bestellt.

4

Die Gläser bei einem Optiker oder einer Optikerin deiner Wahl in eine Fassung einbauen lassen – und fertig.

Möchtest du das auch abklären lassen?

Die Fachperson, bei der ich war, ist Herr Fritz Steiner in Basel. Bei mir hat die Abklärung inklusive Brillengläser rund 1100 CHF gekostet (Preis ohne Gewähr) – als grober Anhaltspunkt. Alle Infos dazu findest du im Link unten.

mehr Infos hier
Zur Orientierung

Und ein paar Beispiele mehr

Das Irlen-Syndrom ist nur eines von mehreren Dingen, die bei Autismus gehäuft mitkommen. Diese sieben weiteren Themen findest du ausführlich beschrieben, sobald du sie freischaltest:

Peri-Menopause Hypermobilität ADHS Histaminintoleranz Glutenintoleranz Wärmeintoleranz Rejection Sensitivity
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Die sieben weiteren Punkte im Überblick

Dahinter findest du zu jedem der sieben weiteren Punkte eine kurze, klare Erklärung – was es ist, wie es sich zeigen kann und warum es bei Autismus gehäuft auftritt.

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Du musst das nicht allein einordnen.

Wenn du magst, schreib mir – ganz unverbindlich.

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